Inkontinenz: Definition, Ursachen und Therapie

Fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Inkontinenz. Sie fühlen sich unsicher, beschämt und eingeschränkt in ihrem Alltag. Doch mit der geeigneten Behandlungsmethode kann den Betroffenen geholfen werden.

Für fünf Millionen Menschen in Deutschland ist es Tag für Tag ein Thema – sprechen können die wenigsten darüber. Sie leiden unter Inkontinenz, fühlen sich unsicher, beschämt und eingeschränkt in ihrem Alltag. Doch mit der geeigneten Behandlungsmethode kann den Betroffenen geholfen werden.

Inkontinenz – was ist das überhaupt?

Bis zu fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter – sprechen können aber nur die wenigsten über ihr Problem. Im Gegenteil: Sie ziehen sich zurück – selbst von ihrem Partner – sind unsicher, beschämt und erheblich in ihrem Alltag eingeschränkt. Inkontinenz ist immer noch ein Tabu, dabei handelt es sich laut Weltgesundheitsorganisation um eine Krankheit, wie jede andere auch. Doch auch wenn wir mit Freunden und Bekannten über alles mögliche sprechen – über Kopfschmerzen, Ausschläge, Rückenbeschwerden – das Thema Inkontinenz bleibt dabei außen vor, so als gäbe es die Krankheit gar nicht.

Erst wenn der Leidensdruck weiter steigt, wagen die meisten den Gang zum Arzt. Im Schnitt dauert es zwei bis fünf Jahre, bis Patienten sich in Behandlung begeben. Von den vielen Menschen, die hierzulande unter Blasenfunktionsstörungen mit Harninkontinenz leiden, spricht kaum ein Drittel über das Problem. Von diesen 30 Prozent bekommt dann auch noch gut die Hälfte zu hören, dass sie eben damit leben müssen, dass es sich um Alterserscheinungen handelt oder eben um die Folge operativer Eingriffe.

Doch was ist das eigentlich – Inkontinenz? Kontinent ist jemand, der den Urin zu einem von ihm selbst bestimmten Zeitpunkt an einem Ort seiner Wahl ausscheiden kann. Inkontinenz dagegen ist das Unvermögen, den Urin zurückzuhalten. Es kommt zu unkontrolliertem Harnverlust. Dabei handelt es sich um eine Krankheit – Selbstzweifel und Schuldgefühle sollten die Betroffenen deshalb nicht haben. Inkontinenz äußert sich auf vielfältige Weise und reicht von gelegentlichem Harnverlust bei starker körperlicher Belastung bis hin zu hochgradige Formen, bei denen eine Permanentversorgung erforderlich wird.

Inkontinenz kann jeden treffen. Statistisch erwiesen ist, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen älter als 60 Jahre ist. Frauen leiden wesentlich häufiger darunter als Männer. Auch viele jüngere Menschen haben schon Erfahrungen mit der Blasenschwäche gemacht: Nach einer Schwangerschaft hat fast jede zweite Frau Probleme mit der Blase. Meist liegt das an der Erschlaffung des Beckenbodens. Die gute Nachricht dabei: Die Muskeln in dieser Region lassen sich, wie andere auch, sehr gut trainieren. Und, was viel wichtiger ist: Die Krankheit ist behandelbar und in vielen Fällen heilbar! Die häufigsten Formen der Blasenschwäche: Belastungs- und Dranginkontinenz.

 

Belastungsinkontinenz:

Inkontinenz durch Belastung
Inkontinenz durch Belastung

Es gibt verschiedene Formen der Harninkontinenz. Zu der häufigsten zählt die Belastungsinkontinenz. Sie wird auch als „Stressinkontinenz“ bezeichnet, hat aber mit Stress im eigentlichen Sinne nichts zu tun. Deshalb sprechen Experten lieber von der Belastungsinkontinenz. Sie wird meist durch eine Schwäche des Schließmuskels (Sphinkter) hervorgerufen.

Bei Patienten, die unter dieser Form der Inkontinenz leiden, sorgt körperliche Belastung wie Niesen, Husten, Lachen, schweres Heben, Joggen oder auch Treppensteigen für Probleme, denn all diese Aktivitäten sorgen für eine Druckerhöhung in der Bauchhöhle. Da die Beckenbodenmuskulatur der Betroffenen geschwächt ist, kann sie nicht mehr ausgleichend auf den Verschlussmechanismus wirken. Die Folge: Harn tritt bei körperlicher Belastung aus.

Diese Form der Inkontinenz ist bei Frauen weit verbreitet. Durch Schwangerschaft und Geburten sind auch viele junge Frauen davon betroffen. Der weiblichen Anatomie fehlt die Prostata, so dass nur ein gut trainierter Beckenboden den Schließapparat unterstützt. Deshalb haben auch Männer, deren Prostata entfernt wurde, das gleiche Problem.

Eine Belastungsinkontinenz aufgrund dieser Muskel- oder Gewebeschwäche ist, auch wenn es sich um eine ausgeprägte Form handelt, gut zu therapieren. An erster Stelle steht dabei das Beckenbodentraining, das leicht zu erlernen ist und mit dem gute Erfolge erzielt werden können. Daneben stehen weitere konservative Behandlungsmethoden zur Verfügung (siehe konservative Heilmethoden).

 

Dranginkontinenz:

inkontinez blase
Harndrang durch Muskelkontraktion

Von der Dranginkontinenz sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen. Bei der Dranginkontinenz ziehen sich überempfindliche Muskeln der Blasenwand grundlos zusammen. Das führt zu einem unerträglichen Harndrang und meist unwillkürlichem Abgang von Urin. Auslöser für die Blasenschwäche können neben Geburten, Verletzungen und Prostataeingriffen auch Medikamente sein, wie etwa Betablocker, Hormonpräparate oder Antidepressiva. Aber auch Infektionen können das unfreiwillige Wasserlassen auslösen.

Grundsätzlich gilt: Inkontinenz kann gut vorgebeugt werden. Durch regelmäßige körperliche Bewegung, gezieltes Muskeltraining, gesunde Ernährung und Normalgewicht kann die gesunde Blasenfunktion bis ins hohe Alter erhalten werden. Und selbst im Alter kann bei frühzeitigem Erkennen und Behandlung eine Inkontinenz deutlich gebessert bzw. geheilt werden.

Ebenfalls wichtig für Inkontinenz-Patienten: Das Toiletten- oder Miktionstraining, das als manuelle Therapie an erster Stelle steht. Dabei wird versucht, dem Harndrang zuvor zu kommen. Durch einen bestimmten Rhythmus der Entleerung und durch allmähliche Verlängerung der Intervalle wird die Blase trainiert. In vielen Fällen kann auch das Fassungsvermögen der Blase durch ein solches Training erhöht werden.

In schwierigeren Fällen kann durch Einnahme von Medikamenten, so genannten Antispasmotika, die überaktive Blasenmuskulatur, die zur Dranginkontinenz führt, beruhigt werde. Allerdings kann es zu Nebenwirkungen, wie etwa Mundtrockenheit kommen. Gute Erfolge werden auch durch das Elektrostimulationsverfahren erzielt. Dazu wird eine Elektrode mehrmals in der Woche in die Vagina eingeführt, um die Nerven und die Muskulatur des Beckenbodens zu aktivieren und zu stärken.

Welche konservativen Heilmethoden zur Therapierung gibt es?

Leichtere Formen der Inkontinenz lassen sich in vielen Fällen mit gezieltem Beckenbodentraining, das von Biofeedback und Elektrostimulation begleitet wird, mildern bzw. ganz heilen. Beim Biofeedback handelt es sich um einen Sensor, der in die Scheide eingeführt wird und feststellt, wie gut sich die Muskeln des Beckenbodens aktivieren lassen. Für Frauen, die nicht sicher sind, ob und wie sie ihren Beckenboden trainieren, gibt es noch weitere Hilfsmittel. Ärztlicher Rat und Betreuung, sind aber bei allen Methoden wichtig und vorher einzuholen. Die weibliche Muskulatur kann zum Beispiel mit verschiedenen Hilfsmitteln trainiert werden:

Vaginalkonen: Dabei handelt es sich um sind tamponartige Gewichte, die in die Scheide eingeführt werden. Die Konen müssen aktiv gehalten werden, wodurch die Muskulatur gestärkt wird. Die Vaginalkonen gibt es im Set, das jeweils aus fünf unterschiedlich schweren tamponartigen Gewichten besteht. So kann durch eine Steigerung der Gewichte auch die Beckenbodenmuskulatur trainiert werden.

Vaginalkugeln sind hohle Doppelkugeln, in denen Gewichte eingelagert sind und die ebenfalls in die Scheide eingeführt werden. Auch sie müssen von der Beckenbodenmuskulatur aktiv gehalten werden. Diese Kugeln kann man in Erotikgeschäften kaufen, da sie ursprünglich als „Asiatische Liebeskugeln“ auf den Markt gebracht wurden. Sie sollen die Scheidenmuskulatur stärken und so nebenbei auch die sexuelle Lust steigern – was ja auch ein schöner Nebeneffekt ist.

Das Würfelpessar sorgt für eine Stabilisierung der geschwächten Beckenbodenmuskulatur. Das würfelartige Pessar aus Silikon gibt es in verschiedenen Größen und wird bei erstmaliger Benutzung vom Arzt angepasst. Das Pessar stützt die inneren Organe bei anstrengenden Tätigkeiten und körperlicher Belastung. Es wird morgens eingesetzt und abends wieder herausgenommen, damit sich die Scheidenwände über Nacht erholen können. Das Beckenbodentraining wird durch das Tragen des Würfels nicht behindert, in vielen Fällen unterstützt es sogar das Training, da die Patientin ihre Muskeln so besser spüren kann.

Tamponähnliche Einmalprodukte können, wie ein großer Tampon auch, Harnblase und Harnröhre stützen und in der richtigen Position festhalten. So kann eine Frau mit Belastungsinkontinenz beim Joggen oder Sport sicher sein, dass kein Harn abgeht. Inkontinenzprodukte sind Hilfsmittel, die den Alltag der Betroffenen erleichtern. Sie werden normalerweise vom Arzt verordnet. Ausnahme: Es sprechen wichtige medizinische Gründe gegen einen Einsatz. Erhältlich sind sie in Sanitätshäusern, Apotheken oder direkt beim Hersteller.

Herkömmliche und neue OP-Verfahren

TVT-Schlingenverfahren (Tension-free-Vaginal Tape = spannungsfreies Vaginalband), auch Bändchen-OP:

Der Einsatz der zugfreien Schlingeneinlagen bei Organsenkungen wird seit einigen Jahren praktiziert. Es ist eine wenig invasive Behandlungsform, ein nur etwa halbstündiger operativer Eingriff. Bei örtlicher Betäubung werden zwei kleine Hautschnitte oberhalb des Schambeins und ein Hautschnitt unter der Harnröhre im Bereich des Scheidenausgangs gesetzt. Durch die Kanäle wird ein Band gezogen, welches die Harnröhre spannungsfrei anhebt. Das Band gibt dem mittleren Teil der Harnröhre bei Belastung Halt und verhindert den unkontrollierten Austritt von Urin.

Das Verfahren ist sehr erfolgreich, nach fünf Jahren sind noch 90 Prozent aller Frauen beschwerdefrei. Das TVT-Schlingenverfahren sollte allerdings nur von sehr erfahrenen Operateuren durchgeführt werden, da es zu Komplikationen kommen kann, wenn das Band beispielsweise in die Harnröhre einwächst. Außerdem kann es nicht bei jeder Frau angewandt werden. Einige Experten raten erst nach den Wechseljahren zu der OP, andere möchte diese erfolgreiche Methode auch gebärfähigen Frauen nicht vorenthalten. Patientinnen sollten sich also in jedem Fall sehr ausführlich und ihrer Lebenssituation angepasst beraten lassen.

Gelinjektion:

Die Gelinjektion ist nicht das Verfahren der ersten Wahl – und wird zumeist erst dann eingesetzt, wenn andere Methoden versagen. Bei diesem Verfahren wird die Harnröhre zunächst mit einer Creme betäubt. Dann spritzt der Arzt mit Hilfe eines Applikators Gel in die Harnröhrenwand. Das Prinzip der Gelinjektion ist seit längerem bekannt, neu ist jedoch ein Wirkstoff mit Namen „Zuidex“ sowie die Art, wie das Gel injiziert wird. Mit Hilfe von vier Spritzen soll eine gleichmäßige Verteilung der Substanz gewährleistet werden.

Patientinnen haben mit dem neuen Wirkstoff bereits positive Erfahrungen gemacht, allerdings ist noch unklar, wie lange diese Ergebnisse anhalten. Von anderen Substanzen, die in den vorherigen Jahren injiziert wurden, ist bekannt, dass sie häufig vom Körper abgebaut werden, und deshalb der Effekt der Injektion, die die Harnröhre stützt, nachlässt. Ob der neue Wirkstoff, der erst seit einem knappen Jahr zum Einsatz kommt, länger für eine Stabilisierung der Harnröhre sorgt, ist noch ungewiss. Dazu müssen weitere Beobachtungen angestellt werden. Auf jeden Fall ist die Gelinjektion eine Alternative für Frauen, die entweder keine Narkose vertragen oder erfolglos operiert worden sind.

Neue Therapiemöglichkeit bei Belastungsinkontinenz

Erstmals wurde ein Medikament entwickelt, das gegen Belastungsinkontinenz helfen soll. Der Wirkstoff Duloxetin soll durch eine im Gehirn erfolgende Ausschüttung von Neurotransmittern (Botenstoffen) die Schließmuskelaktivität der Harnröhre erhöhen. Das soll dann zu einer deutlichen Abnahme des Urinverlustes führen und schlussendlich zu einer Steigerung der Lebensqualität der Betroffenen.

Der Nachteil: Es kann zu Nebenwirkungen wie Übelkeit, Verwirrtheit und Schlafstörungen kommen. Das Medikament ist zur Zeit noch nicht erhältlich, soll aber im dritten oder vierten Quartal 2004 auf den Markt kommen. Ob diese Substanz auch bei Männern erfolgreich wirkt, ist allerdings noch nicht geklärt, da entsprechende Untersuchungen nicht vorliegen.

Wie kann ich selbst aktiv vorbeugen?

Schlechte Gewohnheiten beim Gang auf die Toilette können weitreichende Folgen haben. Manchmal haben wir schon als Kinder gelernt, nur zu Hause auf die Toilette zu gehen und den Urin so lange zurückzuhalten. Andere gehen dagegen ständig zur Toilette. Beides sind schlechte Gewohnheiten.
Doch gute Gewohnheiten lassen sich erlernen. Sie können helfen, möglichst lang die normale Blasenfunktion zu erhalten. Zu ihnen zählen:

  • regelmäßige Entleerung der Harnblase, bei älteren Frauen alle drei Stunden
  • richtig Hinsetzen: Die Toilette sollte kein Ort sein, an dem man sich beeilt.
  • keine Bauchpresse anwenden, sondern den Urin laufen lassen
  • sich entspannen und Zeit lassen
  • die Blase vollständig entleeren

Die Gesellschaft für Inkontinenzhilfe e.V. (GIH) gibt folgende Ratschläge:
„Die Kontinenz kann durch regelmäßige körperliche Bewegung erhalten werden. Bei Kontinenzproblemen sollten auf jeden Fall unter professioneller fachlicher Anleitung Bewegungsprogramme durchgeführt werden. Zur Verbesserung der allgemeinen Kondition können zusätzlich Sportarten wie Walking, Fahrradfahren, Schwimmen oder Skilanglauf betrieben werden. Das Ziel wird allerdings nur durch Regelmäßigkeit erreicht, das heißt zwei- bis dreimal wöchentlich 45 Minuten lang trainieren.“

Auch durch Spezialmassagen können in der so genannten Blasenzone Verspannungen und Verquellungen im Gewebe systematisch bearbeitet und die Organfunktion normalisiert werden. Störungen im Wärmehaushalt, kalte Füße und häufige Infekte wirken sich ebenfalls ungünstig auf die Blasenfunktion aus. Hier hilft tägliches, wechselwarmes Duschen, Kneippsche Güsse oder Saunabesuche.

Auch starkes Übergewicht ist ein Risikofaktor. Durch das Übergewicht wird der Druck im Bauchraum erhöht, die Belastung auf den Beckenboden verstärkt und Inkontinenz kann die Folge sein. Eine Gewichtsreduktion sollte unbedingt angestrebt werden.
Fazit: Inkontinenz ist kein Schicksal. Bei frühzeitigem Erkennen ist die Krankheit – auch im Alter – häufig heilbar oder kann zumindest deutlich gebessert werden!

Ein Kommentar

  1. Ich leide seid 4 Jahren an Inkontinenz.War schon in Lüneburg zur Überprüfung der Blase.Mir wurden
    NITROFURANTION Kapsen verschrieben. Wo jetzt aber die Wirkung nach lässt . Ganz schlimm ist es
    wenn ich gesessen habe und dann aufstehe. Ich kann überhaupt nicht aus den Haus gehen.Kann
    nicht weg fahren , kann nicht ins Kino oder mit Freunden unterwegs sein. Es schränkt mich seh ein.
    In der Nacht gehe ich jede Stunde zur Toilette. Würde mich über eine kurze Antwort freuen.
    Mit freundlichen grüßen Ingrid Brauer

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